1. Aller Anfang

Donner und Blitze umhüllten das Bergmassiv. Wie eine Erscheinung von einem anderen Stern stand die alte Frau mit erhobenen Armen vor ihrer ärmlichen Holzhütte hoch oben am Berg. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und ihre langen, weißen Haare flatterten einer Fahne gleich auf ihrem Rücken. Es war, als flehte sie die Naturgewalten um Hilfe an. Ihr zerknittertes Gesicht verzog sich schmerzlich, als sie rief :"Du darfst es nicht geschehen lassen! Nicht alle sind schlecht auf dieser Welt! Gib ihnen eine Chance!" Ein Blitz schlug unmittelbar neben der Alten in eine Kiefer. Meterhohe Flammen züngelten sogleich in den schwarzen Himmel. Doch die Alte war ungerührt.

"Ich weiß, das ich zu gering bin, um zu fordern! Doch ich bitte um einen Weg für alle Kinder dieser Welt, denn sie sind noch ohne Schuld!" Sie reckte die Hände ein wenig höher und öffnete sie weit, so als wollte sie etwas auffangen. Ein jähes Zischen in der Luft ließ sie aufschrecken. Über ihr kam in rasender Geschwindigkeit ein Feuerball auf sie zugeschossen. Gelborange färbte er den Himmel und bahnte sich seinen Weg durch den sintflutartigen Regen genau auf sie zu. In dem Bewußtsein, ihre gerechte Strafe für ihre Vermessenheit zu empfangen, fiel sie auf die Knie. Mit einem dumpfen Schlag schlug der Feuerball handbreit neben ihr ein. Das Feuer erlosch sofort in dem durchnässten Boden und zurück blieb ein Stein. Er hatte walnußgröße und war völlig schwarz verrußt. Die alte Frau hob ihn auf wie ein Wunder und hielt ihn in den Regen. Die Tropfen perlten darauf ab und nahmen ihm die Schwärze. Nach und nach schimmerte ein zartes Rosa durch den Ruß und bald war er vollständig sauber. Schützend legte die Alte ihre Hand darüber und trug ihn in die Hütte.

Sie setzte sich in den Schaukelstuhl, der am offenen Kamin stand und wiegte den Stein wie ein Baby, bis er trocken war. Liebevoll streichelte sie seine markante Maserung. Sie wußte, was dieses Zeichen zu bedeuten hatte. Es war der Schlüssel! Wie hatte sie darum gebangt, daß er der Menschheit für immer verschlossen bleiben würde. Aber nun war er hier bei ihr und er würde in die richtigen Hände geraten, davon war sie überzeugt. Sie lächelte den Stein an und spürte seine Kraft. Ihre Haut begann sich plötzlich merklich zu verjüngen. Ihr Körper straffte sich wieder und erlangte seine jugendliche, anmutige Form zurück. Die wässrigen Augen strahlten nun im tiefen Blau der Bergseen. Sie wußte, daß ihr Weg hier zu Ende war. Sie würde einen neuen, noch nie beschrittenen Weg gehen. Zufrieden machte sie die Augen zu, umschloß den Stein mit ihrer Faust und schaukelte lächelnd in den Tod hinüber. Als Bergwanderer ein paar Tage später die Hütte von Aurora, der alten Kräuterkundigen besuchten, war sie einfach verschwunden. Seit diesen Tagen hat sie niemand mehr auf Erden gesehen.

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